Edith Billigmann

Natürlich anders ...

Trier/Region (edi). Das "Becker's" in Trier-Olewig: Wie aus einem kleinen Weingut ein Gourmet-Tempel wurde.

"Sieben Rebsorten auf 3,5 Hektar ist schon Irrsinn", lacht Christine Becker selbstkritisch, "aber", so die Winzerin und Sommelière aus Trier-Olewig, "man hat immer einen passenden Wein zu den Gerichten, die wir in der Küche kreieren." Seit 2010 leitet die 53-Jährige das Weingut des Trierer Sterne-Restaurants "Becker's", das mit seinen rund 20.000 Rebstöcken die Keimzelle des heutigen Familienunterneh- mens bildet. Seit 2020 obliegt ihr auch die Verantwortung für den Weinkeller. Die Jahre der Pandemie waren dabei eine besondere Herausforderung, aber auch Jahre der Inspiration, denn die leidenschaftliche Winzerin nutzte die Zeit für Fortbildungen und (Weiter)- Entwicklung neue Konzepte, wie etwa Wein-Erlebnis-Wanderungen, geführte Weinproben oder gemanagte Picknicke im Weinberg. "Ich liebe die Natur und bin ihr dadurch näher gekommen", sagt sie zufrieden.

 

Kulinarik ...

Zufriedenheit und Einklang mit sich selbst sind ohnehin das, was Christine Becker stets angestrebt hat. Ihre aktuelle Ausbildung zur "Natur-Erlebnis-Begleiterin" ist deshalb die logische Konsequenz. Ein Blick auf ihren Werdegang zeigt den roten Faden, der sich durch ihr Leben zieht: dem guten Bauchgefühl folgen und Neues ausprobieren.

Aufgewachsen ist Christine in einem landwirtschaftlichen Betrieb in Erbach, der Kreisstadt des südhessischen Odenwaldkreises. "Zu Hause wurde immer gekocht und gebacken. Das war ich so gewohnt und ging mir gut von der Hand", erzählt sie rückblickend. "Also, warum nicht das Kulinarische zum Beruf machen?", fragte sie sich und entschloss sich zunächst zur Konditorenlehre, anschließend zur Ausbildung als Köchin. Zu den Stationen ihres Berufslebens gehören das "Gästehaus" der Bundesregierung, das Luxushotel "Bühler Höhe" im Schwarzwald, wo sie im Sternerestaurant "Imperial" als Chef- Patissière verantwortlich war, ebenso das "Café Oberlaa" in Wien und das 5-Sterne- Hotel "Traube Tonbach" in Baiersbronn, dessen Restaurant "Schwarzwaldstube" von Küchenchef Harald Wohlfahrt, einem der zehn besten Köche weltweit, geleitet wurde. Dort hat sie auch ihren späteren Ehemann Wolfgang Becker kennengelernt, der in fünfter Winzergeneration den gleichnamigen Familienbetrieb in Trier-Olewig übernehmen sollte.

 

Wein ...

Ihm folgt sie nach, hilft beim Auf- und Umbau des Restaurants und bringt ihre Erfahrungen als Patissière und im Service ein. Immer mehr gewinnt das Thema Wein die Oberhand. 2005 lässt sie sich zur Sommelière ausbilden und übernimmt nach und nach die Straußwirtschaft und das Weingut. Die zwei Jahre der Corona-Pandemie geben ihr Zeit, sich noch intensiver mit dem Thema Wein zu beschäftigen; im Weinberg hält sie Biodiversität und Vielfalt im Blick. "Ich verzichte seit vielen Jahren auf Herbizide", erläutert sie.

Durch den Klimawandel habe ein Umdenken auch bei den Landwirten und Winzern stattgefunden. Dennoch dürfe man den konventionellen Betrieb nicht verteufeln: "Wir haben viele Krankheiten, die sich an der Mosel eingeschlichen haben und eine echte Bedrohung für die Rebstöcke geworden sind. Diese gilt es vor Erkrankungen zu schützen." 

 

... Natur  

Ein Thema, das sie auch in ihren Weinbergführungen nicht ausspart. Doch viel spannender ist es, sie auf einer Wanderung entlang der Südflanke des Trierer Petrisberges zu begleiten und sich anschaulich die Arbeitsschritte vom Rebschnitt über den Austrieb der ersten Blätter bis zum Trinkgenuss im Glas erklären zu lassen.

 

Tradition ...

So vielfältig wie die Weine, so vielfältig ist auch der Chef de Cuisine, Wolfgang Becker. Der 54-Jährige gilt als weltweit einziger Küchenmeister mit Michelin-Stern, der zugleich Winzer ist und den Gästen die eigenen Weine passend zu den Gerichten kredenzt. 1978 folgt er der langen Familientradition und geht in die Winzerlehre. Weil er gutes Essen liebt, entscheidet er sich nach dem Bundeswehrdienst für eine zweite Ausbildung zum Koch. Seine erste Stelle nach der Lehre tritt er im "Schloss Monaise" bei Huby Scheid an, damals noch Deutschlands jüngster Sternekoch. Von Anfang an wird er in die Abläufe des kleinen Familienbetriebs integriert. "Da hab ich Blut geleckt; da wusste ich, dass ich richtig bin", erinnert er sich. .

 

 ... & Kreativität  

Prägend soll auch die Erfahrung im "Alten Badhaus" in Eberbach am Neckar werden. Von der Konzeption "Zwei Restaurants, aber nur eine Küche" ist er angefixt und übernimmt sie später für den heimischen Betrieb in Olewig. Nach weiteren Stationen im "Imperial" und der "Schwarzwaldstube" kehrt er 1995 in den elterlichen Betrieb zurück, den er 1997 übernimmt.

Im selben Jahr beginnt er, seine Ideen umzusetzen und eröffnet in der Weinstube das Ein-Sterne-Restaurant, das er schließlich in den 2007 fertiggestellten Neubau verlagert. Die Weinstube ist wieder den Liebhabern gut bürgerlichen Essens vorbehalten. Doch für Wolfgang Becker ist die Sache noch nicht rund. Was fehlt, ist eine komfortable Übernachtungsmöglichkeit, denn die Einkehr in Restaurant und Weinstube sollen seine Gäste mit maximaler Erholung verbinden. Oberhalb des Neubaus werden komfortable Zimmer eingerichtet. Dabei ist die Stilrichtung des Designhotels vorgegeben: Wie in der Küche auch konzentriert sich das Architektenbild an der Maxime "reduce to the max". Was noch fehlt, ist ein Wellnessbereich. "Alles bereits in Planung", lächelt Becker vielversprechend.

 

Information

In der Region Trier gehört das "Becker's" in Olewig mit einem Michelin-Stern und 17 Punkten im Gault Millau zu den lukullischen Aushängeschildern. Mit der Konzeption "Eine Küche - zwei Restaurants" ist Wolfgang Becker einen ungewöhnlichen, aber für ihn "betriebswirtschaftlich sinnvollen" Weg gegangen. Diesen Weg hat er auch in der Pandemiezeit konsequent beschritten und aus der Not eine Tugend gemacht. Sein Außer-Haus-Abhol- und Lieferservice unter dem Motto "#Gegessen wird, was auf den Tisch kommt" war so erfolgreich, dass er ihn auch nach Corona aufrecht erhalten hat. Die klare Linie mit Ecken und Kanten von Küche und Küchenchef findet sich auch im Architektenbild des Design-Hotels wieder. Ungewöhnlich ist auch die geglückte Kombination der in der Küche selbst kreierten Speisen mit Weinen aus dem 3,5 Hektar kleinen Weinberg, der wie alles, was mit Wein zu tun hat, in Christine Beckers Verantwortung liegt. Auch sie hat in der Coronazeit originelle Konzepte entwickelt und (be-)lebt mit ihren Programmen rund um Wein und Natur ihre eigene Definition von Glück.

www.beckers-trier.de

 

 


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