

Sie könnte, wenn sie wollte - doch sie will nicht. Die passionierte und mehrfach prämierte Schlagzeugerin Leonie Klein sucht die Freiheit und liebt das Risiko. Auf lange Sicht gebunden an einen Orchesterbetrieb? Das kann sie sich nicht vorstellen. Um ihre Unabhängigkeit zu bewahren und ihre Kreativität zu schützen, hat sie sich ganz bewusst für ein freischaffendes Künstlerleben entschieden. Die Freiheit, sich entfalten zu dürfen und damit ihre eigenen musikalischen Bedürfnisse ohne Einschränkungen leben zu können, setzt die 31-Jährige mit einem absoluten Glücksgefühl gleich.
»Musik ist ein Garant, dass ich glücklich durchs Leben gehen kann.«
Aufgewachsen im beschaulichen Salmtal, kommt Leonie schon früh mit Musik in Berührung. »Nicht durch meine Eltern«, wie sie betont, »aber mit deren uneingeschränkter Unterstützung.« Mit 5 Jahren besucht sie im Rahmen der Musikalischen Früherziehung einen Trommelkurs, ein Jahr später schon nimmt sie Einzelunterricht. Ihr Lehrer, Dietmar Heidweiler, erkennt ihr Talent und wird sie bis zum Studium begleiten.
Ihre Karriere ist einzigartig: Zweimal schafft sie es zum Bundeswettbewerb bei »Jugend musiziert« (Solo & Ensemble), wird - parallel zur Abizeit am Wittlicher Gymnasium - mit 17 Jahren Vorschülerin an der Karlsruher Musikhochschule, um sich auf die Aufnahmeprüfung fürs Bachelor-Studium »Schlagzeug« vorzubereiten. Die Prüfung besteht sie auf Anhieb. Wegen der Verbindung von Wissenschaft, Kunst und Gesellschaft belegt sie zudem noch den Begleitstudiengang »Angewandte Kulturwissenschaft«. Dem Bachelor folgt der Masterstudiengang sowohl für »Schlagzeug«, als auch für »Musikjournalismus«. Seit dieser Zeit arbeitet sie als Musikredakteurin für den Rundfunk und ist auch noch als Solistin tätig.
Aktuell promoviert Leonie im Bereich »Neue Musik für Schlagzeug solo«. Nachdem sie ein Semester lang als Vertretungsprofessorin im Fach Schlagzeug an der Karlsruher Musikhochschule war, ist sie seit Februar 2025 zudem als Wissenschaftliche Mitarbeiterin am Karlsruher Institut für Technologie tätig.
Verortet ist die Schlagzeugerin in der zeitgenössischen Musik. Da man aufgrund der noch jungen Geschichte des Schlagzeugs als Soloinstrument erst seit Ende der 50-er auf Repertoire zurückgreifen könne, sei die »Ausbeute« relativ rar, so Leonie, biete aber dadurch mehr Freiheit und Unabhängigkeit für eigene Kreationen.
Auch für eigene Kompositionen? »Ich habe mich nie getraut zu komponieren. Aber mittlerweile habe ich so viele Stücke gespielt, mit so vielen Komponisten gearbeitet, dass ich die Idee habe, wie meine Musik klingen soll«, antwortet sie selbstbewusst. Wir dürfen gespannt sein...
Es ist die unglaubliche Vielfalt an Klängen und Geräuschen, die Leonie fasziniert. »Man kann das Stück buchstabieren oder man kann es musizieren, das ist der Unterschied«, hatte der Komponist Helmut Lachenmann, mit dem sie während ihres Studiums zusammengearbeitet hatte, zu ihr gesagt und ihr dann nach der akribischen Arbeit an einem Stück empfohlen, alles wieder zu vergessen: »Sonst wirst Du verrückt, Du musst einfach spielen!« Und daran hält sie sich bis heute. Bevor sie auf die Bühne geht, studiert sie jede einzelne Bewegung und jeden Klang bis ins kleinste Detail, bis sie alles so verinnerlicht hat, dass Noten überflüssig und Gefühl zur Musik wird.
Ihre Solo-Performance rund um unseren wichtigsten Beat, den Herzschlag, gilt als einzigartiges Musikerlebnis, bei dem ungewöhnliche Klänge und gewaltige Rhythmen mit Sprache und Projektion kombiniert werden - das Schlagzeug inszeniert mit den Mitteln des Theaters.
Das Publikum zu überraschen, ist eines ihrer großen Ziele, es aufzuschließen für die Neue Musik und zum Mitmachen zu bewegen, ein weiteres. Gelungen ist ihr das bereits an der Württembergischen Landesbühne in Esslingen. Dort hatte sie im Februar ihren Auftritt und konnte an ihren Erfolg beim Mozartfest in Würzburg anknüpfen: die Realisierung ihres neu entwickelten Konzertformats »MozartExotikum«, ein interaktives Hörspiel-Konzert.
Leonie liebt die Herausforderung. Sie weiß: »90 Prozent der Leute haben ein solches Konzert noch nie erlebt. Das hat den Vorteil, dass man etwas bieten kann, das nicht geläufig ist. Auf der anderen Seite muss man sich im Vorfeld des Konzerts mit der Skepsis des Publikums auseinandersetzen.«
»Auszeichnungen sind doch nur Äußerlichkeiten«, wehrt Leonie meine nächste Frage ab. »Wichtig ist doch die eigene Überzeugung und die innere Haltung gegenüber dem, was man tut - der Mensch hinter der Musik.« Der Musikwissenschaftler Rudolf Frisius und der 2024 verstorbene Komponist Peter Eötvös haben sie stark geprägt. Frisius (83) hat sein Leben der Forschung zum Komponisten Karlheinz Stockhausen gewidmet. »Das hat mich zum Nachdenken gebracht«, sagt Leonie. »Wie kann man so fasziniert von der Musik eines Komponisten sein, dass man sein ganzes Leben daran forscht? Ich habe mich hinterfragt: Wie entwickelt sich für mich die Musik, die ich schon lange spiele?« Mit Peter Eötvös hat sie bei ihrem ersten Konzert als Solistin mit Orchester auf der Bühne gestanden; sie hat den Solopart gespielt, während er sein Stück »Speaking Drums« dirigiert hat.
Den gleichzeitig stattfindenden Schweizer Schlagzeugwettbewerb hatte sie abgesagt, und das, obwohl sie als Favoritin gehandelt worden war. »Eötvös war nicht auf die große Bühne und das große Publikum aus, sondern er ist immer bodenständig geblieben, hat niemals das Wesentliche aus den Augen verloren und wollte seine Musik an die junge Generation weitergeben«, zeigt sie sich tief beeindruckt.
In den 50-ern beginnen Komponisten wie John Cage und Karlheinz Stockhausen, sich mit dem Schlagzeug als Soloinstrument auseinanderzusetzen. Bis dahin kam das Schlagzeug vorwiegend als Orchesterinstrument zum Einsatz. Karlheinz Stockhausen komponiert mit »Zyklus« (1959) eines der ersten Werke für einen Schlagzeuger. Schon in diesem frühen Stadium der Komposition für Schlagzeug solo wird deutlich: Das Schlagzeug umfasst ein vielfältiges Instrumentarium, das eine unglaubliche Klangvielfalt zu bieten hat und ungeahnte kompositorische Möglichkeiten eröffnet - bis heute. Ein Schlagzeuger, der Generationen inspiriert hat, war Christoph Caskel.
Info: Für das Kammertheater in Karlsruhe hat Leonie Klein 2023 das Konzertformat »1.000 beats per minute« entwickelt. Für das Mozartfest 2023 in Würzburg hat sie ihr interaktives Hörspiel-Konzert »MozartExotikum« umgesetzt, das im Beethoven-Jahr 2027 bei BASF in Ludwigshafen seine Fortsetzung finden wird. Eine eigene Konzertreihe mit neuen Formaten wird sie für das Mozartfest 2026 kuratieren. www.leonie-klein.net
Text: Edith Billigmann
Dieser Artikel ist erstmals erschienen im Lifestyle-Magazin "eff.", Ausgabe Frühjahr/Sommer 2025: https://wi-paper.de/show/03141b35e644/epaper